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Samstag, Oktober 29, 2005

Morgen bin ich tot

Ich hatte auf heute die Aufgabe ein selbst ausgewähltes Gedicht vorzutragen. Dabei ging es vor allem um die Aussprache, Betonung und das spürbar werden der eigenen Interpretation im Vortrag.
Das Gedicht hat mich sehr angesprochen und berührt. Aber lest selbst....

Werner Bergengruen aus „Meine Deutschen Gedichte“ von Hartmut von Hentig

Leben eines Mannes

Gestern fuhr ich Fische fangen,
heut bin ich zum Wein gegangen,
– Morgen bin ich tot –
Grüne, goldgeschuppte Fische,
rote Pfützen auf dem Tische,
rings um weisses Brot.

Gestern ist es Mai gewesen,
heute wolln wir Verse lesen,
morgen wolln wir Schweine stechen,
Würste machen, Äpfel brechen,
pfundweis alle Bettler stopfen
und auf pralle Bäuche klopfen,
– Morgen bin ich tot –
Rosen setzen, Ulmen pflanzen,
schlittenfahren, fastnachtstanzen,
Netze flicken, Lauten rühren,
Häuser bauen, Kriege führen,
Frauen nehmen, Kinder zeugen,
übermorgen Kniee beugen,
übermorgen Knechte löhnen,
übermorgen Gott versöhnen –
Morgen bin ich tot.