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Dienstag, November 22, 2005

Kanzler werden ist nicht schwer, Kanzlerin sein dagegen sehr

Dieses Bonmot zeigt wohl sehr deutlich die zu erwartende Entwicklung in Deutschland. Falls die CDU/CSU und Frau Merkel glaubten das Kanzleramt zu besetzen sei schwer, so werden sie nun die volle Härte des Alltags kennenlernen. In einem Land, in dem Politik einen so hohen Stellenwert hat und Narzissmus sich, wie die obligate Krawatte, um den Hals der Akteure schlingt, beginnt heute eine neue Ära.
Was ist denn an dieser neuen Regierung so besonders? Ist es die vielgelobte Tatsache, dass Frau Merkel die erste Frau im Amt des Kanzlers ist? Die langersehnte Quotenkanzlerin? Wohl kaum. Es ist die Vorgeschichte die den heutigen Tag zu einem so denkwürdigen macht. Nachdem die CDU/CSU Mitte der Neunziger dank Kohl die Wiederwahl verloren hatte, sahen sie sich plötzlich in die Meckerecke verbannt. Sicherlich sind sie wesentlich mächtiger und zahlreicher als die FDP, doch wie haben sie die letzten 7 Jahre verbracht?
Ähnlich einem gestürzten Diktator sahen sich die Schwesterparteien einem Enthüllungsprozess ausgesetzt. Wer die Macht verliert diktiert nicht mehr die Regeln und geniesst auch keinen absoluten Schutz mehr (Herr Kohl ausgeschlossen). Stetiger Imageverlust und dank Kohls erarbeitetem Machtvakuum fehlender Nachwuchs, stürzte die CDU/CSU in die Rolle der ewigen Opposition. Das neue Parteiprogramm für die nächsten 6 Jahre hiess also: "Wir sind gegen alles was die SPD/Grüne-Regierung sagt und produziert". Dies nahm zeitweilen überaus peinliche Züge an, in denen Frau Merkel sich nicht zu schade war als keifendes Weib in die Kameras zu gifteln und rhetorisch gekonnt den Mangel an eigenen Vorschlägen zu verdecken.
Die Quittung für die verplemperte Zeit kam prompt - der Souverän strafte die Regierung sowie die CDU/CSU gleichermassen ab. Der Wähler konnte sich nicht klar genug für das kleinere Übel entscheiden. Soll man der SPD/Grünen-Regierung nochmals eine Chance geben, obwohl sie unpopuläre Massnahmen beschlossen hatte, oder den ewigen Neinsagern mit der nicht mehr so weissen Weste den Vorrang geben?
Die eindeutige Antwort hies Jein. :-)
Die Ewiggestrigen bekamen eine schallende Ohrfeige und als wäre das nicht genug, bröckelt das Saubermann-Image der CDU/CSU mit der (Selbst-)Enttarnung Stoibers ("i bin a Depp") noch weiter. So wurde aus den Grossmäulern die dieses Jahr zur Wahl antraten, kleinlaute Zögerer. Ich befürworte solche, vom Souverän initiierte, Selbstfindungsprozesse sehr - man wird sehen wie lange den betroffenen Akteuren die dicke Backe in Erinnerung bleiben wird....